Evangelisch-Lutherische Kirche Langenzenn

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Gedanken

zum Erntedank - Oktober 2009

MARCUS HARKE JOSEF UND HERR JEDERMANN

Segen und Fluch der Vorratshaltung manifestieren sich bei mir von Kindheit an in zwei biblischen Gestalten: Josef und der reiche Kornbauer.

Josef, der jugendliche Träumer, sieht die Katastrophe und baut vor. In sieben fetten Jahren werden die Speicherkapazitäten Ägyptens derart ausgebaut und befüllt, dass die folgenden mageren zu bewältigen sind. Bevorratung ist im wahrsten Sinne des Wortes notwendig – wendet die Hungersnot, sichert das Überleben. Josef wird zur Lichtgestalt des klugen vorausschauenden Haushalters für das Leben.

Ganz anders der reiche Kornbauer, das Motiv noch einmal dramatisiert in Hofmannsthals Jedermann: Sein Vorrat soll ihm Grundlage eines sorgenfreien Lebens werden. Doch die Rechnung ist ohne den Wirt gemacht. Der Tod klopft an die Tür. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, warnt Jesus. Er stirbt sogar vom Brot allein, formulierte es einmal Dorothee Sölle. Es ist der Tod bereits im Leben. Es ist der Tod, der sich auch in mein Leben schleicht, wenn ich mich absichern will um jeden Preis. Und zwar so, dass ich meine, von niemandem mehr abhängig zu sein. Sorge wird Angst, Sammeln wird Gier, Besitz zum Gott. Es ist der Tod der Beziehungslosigkeit: Misstrauen vergiftet die Freundschaft, ich brauche niemanden, und niemand braucht mich; allein will ich sein und dann allein gelassen; die Sorge der andern geht mich nichts an – keiner sorgt sich um mich; nicht mehr ausgelacht werden, nicht mehr angelacht werden, überhaupt nicht mehr lachen. Das ist der schreckliche Tod am Brot allein mitten im Leben.

Die gute alte Vorratskammer trug über den Winter. Gespeichert hatte sie Frühjahr, Sommer und Herbst. Gespeichert aber auch die Beziehungen zu den Menschen innerhalb der Familie, wo sie erarbeitet wurde und deren einzelne Handschrift in der Zubereitung sie trug. Natürlich war auch ihr Zweck Autonomie. Aber die war begrenzt und trug nur von Jahr zu Jahr. Gute wie schlechte Ernten blieben in ihr bewahrt und erinnerten so nachhaltig die Abhängigkeit zur Schöpfung.

Für mich als Kind war sie eine Schatzkammer: Die Güter der Welt konserviert in einem Mikrokosmos. Ist die Erde nicht selbst eine riesige Vorratskammer, voller unendlicher Schätze, Sonne, Wasser, Boden, die Kreisläufe der Natur...?

Aber schon beim Aufzählen gerate ich ins Stocken. Wird der Boden als landwirtschaftliche Nutzfläche nicht bereits knapp, die Wasserversorgung zum Problem? Da werden die Rohstoffreserven geplündert und gleichzeitig gehortet, um Preise zu kontrollieren. Wer sammelt heute? Ist es Josef oder der Kornbauer, - etwa Herr Jedermann?

Auszug aus „Vorräte zum Leben – Erntedank 2009“
Kirche im ländlichen Raum Ausgabe 02/2009

Ihre Pfarrerin
Christine Heilmeier

Bericht: Pfarrer Christian Wolfram
Artikel erstellt am: 22.03.2008 · Letzte Änderung: 19.10.2011 15:52 Uhr

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